Geschichte

Die sogenannte Mühlviertler Hasenjagd ...

2. Februar 1945, 0:50 Uhr.
Mariä Lichtmess. Eiskalte, klare Winternacht, schneebedeckte Landschaft
Konzentrationslager Mauthausen.


Im Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen hören rund 500 russische Offiziere, gefangen im so genannten „K-Block“ (das „K“ steht für Tod durch Kugel), die Worte eines Mitgefangenen ...

„Im letzten Todeskampf werden viele von uns oder fast alle fallen (...)
Wir hoffen, dass mancher durchkommt.“

Dann reißen sie die Fenster ihrer Baracke auf, bewerfen die auf einem Wachturm postierten Wachen mit Seifenstücken, Kohle, Betonbrocken und erklimmen die hohe Steinmauer. Sie schließen den elektrisch geladenen Stacheldraht mit nassen Decken kurz und klettern in die Freiheit. Doch diese Freiheit endet für die meisten schon nach kurzer Zeit, denn die SS feuert umgehend zurück. Mit Maschinengewehren auf ausgehungerte, ausgemergelte und nur mit Lumpen bekleidete hilf- und wehrlose Menschen, die im Konzentrationslager Mauthausen nur noch ihren Tod vor Augen hatten. Dieser Ausbruch ist ihre letzte und einzige Chance, zu überleben. Jedem einzelnen ist klar, dass es kaum einer schaffen wird und hier, in dieser Nacht, der Tod auf sie wartet - entweder durch die SS oder durch die Kälte. Und sie sollen recht behalten. Von den 500 Ausbrechern sterben fast alle. Und doch geschieht in diesen Wintertagen, drei Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Wunder. Zwei Tage später klopfen im benachbarten Schwertberg zwei der Ausbrecher an die Tür eines Bauernhofes in Winden - dem Hof der Familie Langthaler. Den russischen Offizieren Michail und Nikolaj wird die Tür geöffnet. Maria Langthaler, eine Bäuerin, die selbst vier Söhne im Krieg hat, gibt ihnen Zuflucht und rettet ihr Leben. Sie sind zwei - von vermutlich nur elf - Menschen, die die von der SS und Lagerkommandant Franz Ziereis ausgerufene Menschenhatz überlebt haben. Die sogenannte Mühlviertler Hasenjagd gilt als eines der traurigsten Kapitel des Mühlviertels.

Nicht nur SS und Volkssturm haben sich an dieser Jagd aktiv beteiligt, sondern auch die Zivilbevölkerung. Es gibt Menschen, die in diesen Tagen große Schuld auf sich geladen haben, aber auch Menschen, die unfassbaren Mut gezeigt und geholfen haben.

Unser Theater erzählt die Geschichte, die sich in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs rund um Mauthausen, Schwertberg, Pregarten, Tragwein, Gallneukirchen, Ried in der Riedmark und Gutau zugetragen hat. Die Geschichte der beiden Überlebenden Michail Rybtschinski und Nikolaj Cemkalo, denen an diesen Tagen ein langes Leben geschenkt wurde. Die Geschichte der Familie Langthaler, die – wie viele andere Menschen auch – großen Mut und Menschlichkeit gezeigt haben. Aber auch die dunklen Seiten. Also die Bandbreite des Menschenmöglichen – das Leid, den Hass, den Mut und die Nächstenliebe.
Wir wollen im Gedenkjahr 2020 (75 Jahre nach der sogenannten Mühlviertler Hasenjagd bzw. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs) dieses Kapitel unserer Heimat in Erinnerung rufen – in der Region, in der es sich zugetragen hat, aber auch darüber hinaus.
Ohne Urteil und ohne Zeigefinger.